Interview mit dem HeartMath Institute

„Wir sind nicht nur Kopf, sondern ein System, das in sich kommuniziert“

Warum sich die niederländische Polizei aufs Herz fokussiert, was Manager*innen von Samurais lernen können und wie sich Resilienz messen lässt, erfahren Sie im Interview mit Reiner Krutti, Führungskräfte-Coach und Vertreter des HeartMath Institute im deutschsprachigen Raum.

Reiner Krutti, Führungskräfte-Coach

Reiner Krutti, Geschäftsführer der HeartMath Deutschland GmbH
Foto: © HeartMath


Angelika Brandt: Nicht nur in Krisenzeiten ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren. Wie kann das HeartMath Institute dabei helfen?

Reiner Krutti: Schon in den 90er-Jahren machte unser Institut die Entdeckung, dass Emotionen das Herzschlagmuster beeinflussen. Bei Angst und Frust entsteht ein chaotisches Muster. Sobald ich aber ein positives Gefühl wie Dankbarkeit oder Wertschätzung aktiviere, wird der Herzschlag kohärenter. Das hat gesundheitliche Vorteile und stärkt die emotionale Resilienz. Gerade Führungskräften, medizinischen Fachkräften oder Polizisten, die mit hohem Stress konfrontiert sind, kommt unser Training sehr zugute. Es stärkt die innere Ruhe, sorgt für einen klaren Kopf und erhöht die Leistungsfähigkeit.

AB: Wie unterscheidet sich Euer Ansatz von normalen Entspannungsübungen?

Reiner Krutti: Bei uns geht es nicht um klassische Entspannung, sondern um innere Vorbereitung. Ziel ist es, bestmöglich zu performen. Bei Spitzensportlern war ein solches Mentaltraining schon immer wichtig. In meinen Führungskräftetrainings bemühe ich gern den Vergleich zum Samurai, der nicht nur Kampftechniken übt, sondern vor dem Kampf auch meditiert. Wobei ich das Wort „Meditation“ zurückhaltend gebrauche, weil für manch einen die Hürde sonst zu groß wird.

Die Manager meiner Kundenunternehmen sind perfekt auf ihre Meetings vorbereitet, meistens haben sie aber nur die Tagesordnungspunkte und Unterlagen dabei. Ich höre so gut wie nie, dass es auch um Wertschätzung für die Mitarbeiter ginge. Genau dieser Punkt ist aber wichtig.

Bei unserer Basisübung fokussieren wir uns auf die Herzregion und atmen tief ins Herz, gleichzeitig konzentrieren wir uns auf eine positive Emotion. Zur Überprüfung bieten wir Messungen der Herzratenvariabilität über 48 Stunden sowie Biofeedback-Apps an. Auf diese Weise können unsere Kunden sehen, wie viel Energie sie wann zur Verfügung haben, wo sie Energie verlieren, welche Situationen belastend sind und vor allem: ob sie richtig regenerieren.

AB: Reichen Yoga und Sport in der Freizeit denn nicht aus, um zu regenerieren?

Reiner Krutti: Bei unserer Methode geht es vor allem um den Alltag. Darum, tagsüber die Möglichkeit zu haben, sich zu regulieren. Sie ist eine wesentliche Ergänzung zum Ausgleich nach Feierabend. Erschöpfung – die bei uns ja weit verbreitet ist – hat ihre Ursache meistens nicht in zu viel Arbeit, sondern in falscher Regeneration. In den Unternehmen wird ein Energielevel von 70 Prozent mittlerweile als ganz normal angesehen. Wenn beim Auto nur drei von vier Zylindern funktionieren, muss es sofort in die Werkstatt, Menschen hingegen machen einfach weiter.

AB: Können wir mit kohärentem Herzschlag bessere Entscheidungen treffen?

Reiner Krutti: Unter Stress fällt man selten kluge Entscheidungen, denn bei einer Bedrohung wird ein Teil des Großhirns abgeschaltet. Die Folge: Wir sind nicht mehr im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte. Sobald wir das Herzschlagmuster verändern, wirkt sich das auch aufs emotionale System aus, und das Großhirn ist wieder offen. Damit nehmen wir Einfluss aufs autonome Nervensystem, unser inneres Betriebssystem. Wir bremsen die Stressreaktion, und der Parasympathikus, auch als Ruhenerv bezeichnet, wird aktiviert. Dies führt zu mehr Klarheit und folglich auch zu klareren Entscheidungen.

AB: Welche Vorteile haben Eure Übungen für die Gesundheit?

Reiner Krutti: In den USA haben 80 Prozent der Erstbesuche beim Hausarzt direkt oder indirekt mit Stress zu tun, hierzulande sieht es ähnlich aus. Verdauungsprobleme oder essenzieller Bluthochdruck kommen oft vom chronischen Stress. Natürlich können wir viele äußere Situationen wie die aktuelle Corona-Pandemie nicht ändern. Resilienz bedeutet daher: Wir können mit schwierigen Situationen umgehen, angemessen reagieren und innerlich auf die Bremse treten. Dies verbessert auch die allgemeine Gesundheit.

In den Niederlanden sind wir zum Beispiel an einem großen Resilienzprojekt der Polizei beteiligt. Primär geht es um die Vorbereitung auf Einsätze. In unserem YouTube-Video erzählt ein älterer Polizist aber auch, dass die Übungen dazu beitragen, seinen Blutdruck zu senken. Ein anderer Polizist, der in einem Krisengebiet war, konnte mit herzfokussiertem Atmen seine posttraumatischen Symptome lindern.

AB: Haben uns die Niederländer etwas voraus in Sachen Stressmanagement?

Reiner Krutti: Von den USA aus gesehen sind die Niederlande der erste Hub in Europa, was Themen wie Stressreduzierung anbelangt. HeartMath Benelux gibt es schon über ein Jahrzehnt länger als unseren deutschen Standort in Saarbrücken. Offensichtlich sind die Niederländer weniger kritisch, die „German Angst“ gibt es dort jedenfalls nicht.

AB: Schulmediziner kritisieren Eure Methode als „Aufwertung des Herzens“. Die Kommunikation zwischen Herz und Hirn gehe „primär vom Hirn aus, nicht umgekehrt“. Wie reagiert Ihr darauf?

Reiner Krutti: Es ist schon seit längerem bekannt, dass wir nicht nur Kopf sind, sondern ein System, das in sich kommuniziert. Studien belegen, dass die Mimik eine Wirkung aufs Gehirn hat. Wenn ich bewusst lächele, verändere ich damit auch meinen emotionalen Zustand. Kurz: Der Körper sendet etwas aus, und das Gehirn reagiert. Es ist belegt, dass sich die Amygdala, die im Hirn für die emotionale Bewertung von Situationen zuständig ist, mit dem Herzschlag synchronisiert und somit auf das Herz reagiert. Insofern sind wir da ganz gelassen.

AB: Du selbst warst lange Jahre Manager in der Automobilindustrie. Beim Wechsel zu Deiner jetzigen Tätigkeit hast Du einiges an Stress hinter Dir gelassen. Welche Erfahrungen aus der Zeit kommen Dir heute noch zugute?

Reiner Krutti: Schon als Controller und Vertriebler bei Peugeot habe ich gemerkt, dass man nicht gegen den Körper angehen kann, sondern ihn mitnehmen muss. Natürlich habe ich auch aus Fehlern gelernt. Eines war mir aber schon immer klar: Egal, in welcher Position ich bin, Menschlichkeit und Augenhöhe sind dabei unverzichtbar.

AB: Kann Herzkohärenz die Arbeitswelt verbessern?

Reiner Krutti: Resilienz muss wie ein Muskel trainiert werden. Das große Thema der nächsten Jahre im betrieblichen Gesundheitsmanagement wird sein: Wie halte ich meine guten Leute fit? Mit alten Mitteln in die Zukunft zu gehen, das wird nicht funktionieren. Da diesen Newsletter ja auch Vertreter der Energiebranche lesen, will ich es mal so formulieren: Die Energiewende muss auch auf persönlicher Ebene stattfinden.

AB: Vielen Dank für das Gespräch, Reiner Krutti.


Die HeartMath Methode besteht aus Atem- und Fokussierungstechniken, die seit 1991 am unabhängigen, gemeinnützigen HeartMath Institute in Kalifornien entwickelt wurden. Im Kern geht es darum, positive Emotionen aufrechtzuerhalten, um so die Herzrhythmuskohärenz zu stärken und Stress zu reduzieren. Die durch einfache Selbstregulationsübungen erlangte innere Balance ist per App oder 48-Stunden-Messung überprüfbar. Neben Ärzten, Therapeuten und Privatpersonen bedienen sich auch immer mehr Unternehmen der Methode, darunter Philips und Unilever. In den Niederlanden wird die Technik seit 2015 von Polizisten eingesetzt.

Reiner Krutti ist Mitbegründer, Geschäftsführer und Ausbildungsleiter von HeartMath Deutschland in Saarbrücken. Der Bank- und Diplom-Kaufmann verfügt über langjährige Führungserfahrung in einem internationalen Automobilkonzern. Krutti ist seit 2007 als Heilpraktiker und Osteopath sowie seit 2008 als HeartMath Coach und Trainer tätig. Er trainiert unter anderem Führungskräfte in Unternehmen.

www.heartmathdeutschland.de

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